Wie steht es eigentlich um die Gastfreundschaft von uns Schweizern?
Pfingstsonntag. Auf einer kleinen Wanderung im Appenzellischen geniessen mein Partner und ich das Privileg, nicht mit tausend anderen unterwegs zu sein. Fast menschenleer sind die satten Wiesen und Hänge, über die wir uns nach oben kämpfen. Obwohl die Wetter-App erst für den Abend Regen anzeigt, verdunkelt sich aber bereits nach einer Stunde Marsch der Himmel rasant. Und am höchsten Punkt angekommen, geht dann alles sehr schnell. Von ein paar schweren Wassertropfen, die als Vorwarnung auf uns nieder klatschen, bis zum Moment, in welchem es wie aus Eimern giesst, vergehen nur wenige Sekunden. Damit haben wir nicht gerechnet und sind entsprechend schlecht ausgerüstet. Er mit einer leichten, dafür saugfähigen Daunenjacke, ich mit einem Rukka-Mäntelchen, das sich nicht mehr zuknöpfen lässt. Zum Glück gibt es bald einen Unterstand - die Bergstation eines Skiliftes. Hier pausieren wir und hoffen auf Wetterberuhigung. Nach einer guten Viertelstunde schon können wir prompt weiterlaufen. Leider aber ist das Wetter-Glück nur von kurzer Dauer und bald schüttet es noch viel übler als zuvor. Meine gute Laune verflüchtigt sich mit jedem Zentimeter, den das kalte Regenwasser an meinen Hosenbeinen hochkriecht. Etwas später erreichen wir klitschnass unser Etappenziel; ein regional beliebtes Restaurant, das Hotelbetrieb, Wellnessoase und Campingplatz zugleich ist.
Beim Betreten der Gaststube steuert die Wirtin sofort auf uns zu: ,Euch hat’s ja ganz schön erwischt’, schmunzelt sie. ,In unserer ,Lost and Found Box’ hat’s bestimmt ein paar trockene Kleider, wenn ihr wollt’.
Und wie wir das wollen. Wir wählen aus der Schachtel mit den liegengelassenen Trainerhosen und Pullovern in der Waschküche etwas einigermassen Passendes aus, werfen unser nasses Zeug in den Tumbler und gehen ins Gasthaus. In der Zeit, in der der Trockner sein Programm durchläuft, gönnen wir uns ein warmes Essen und plaudern mit dem Wirt noch etwas über das schlechte Wetter, das uns dieser Frühling beschert hat.
So oder so ähnlich zumindest hätte ich mir den Abschluss des verregneten Ausflugs vorgestellt. In Wirklichkeit spielte sich aber folgendes ab:
Als die Wirtin uns sah, steuerte sie auf uns und schnauzte: ,Wir sind voll’, während ihr Blick unsere tropfnassen Kleider prüfte. Offensichtlich sorgte sie sich um ihr Mobiliar und wollte auf keinen Fall, dass wir mit nassen Hosen auf ihre Holzstühle sitzen. Denn im Speisesaal hatte es sehr wohl noch den einen oder anderen freien Tisch und wir hätten locker ein Plätzchen gefunden. Wir bestellten ein Taxi und verzogen uns nach draussen. Den wärmenden Kaffee, den wir orderten, mussten wir natürlich auch an der frischen Luft konsumieren und ich begann, mich richtig zu ärgern. Was für eine unhöfliche, ungastliche Art?
Ich wette, es gibt viele Wirte, die in derselben Lage freundlicher reagiert hätten. Was ich aber mit Bestimmtheit weiss: Beim Italiener oder Griechen wäre uns das nie und nimmer passiert.